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Perspektiven der Kreislaufwirtschaft

Im Rahmen unserer Serie „3 Fragen an…“ sind wir im Gespräch mit Partnern, Experten und Persönlichkeiten aus dem Bereich Circular Economy. Heute: Dr.in Ulrike Gelbmann – Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung, Universität Graz

Laut aktuellem Bericht der Europäischen Umweltagentur EEA hat die Pandemie den Verbrauch von Einwegkunststoff gesteigert – zurückzuführen auch auf die erhöhte Nachfrage nach dringend benötigter Schutzausrüstung und medizinischen Artikeln. Trotzdem wird Kunststoff in unserer Gesellschaft vielfach als Problemstoff gesehen. Woher kommt diese Meinung?

Das Problem besteht, nicht nur in Österreich, darin, dass der Begriff Plastik vollkommen undifferenziert gesehen wird. Plastik, das ist in der öffentlichen Meinung das Zeug, das im Wald, an den Stränden herumliegt und von dem wir sehen, dass es irgendwo auf der Welt einfach ins Meer gekippt wird. Berichte, wonach aus Österreich 700 Tonnen Kunststoffabfälle nach Malaysia verschifft worden sind, heizen diese Stimmung noch zusätzlich an. 

Zielführend wäre, und das ist mir wichtig zu transportieren, das unreflektiert und ungebremst verwendete Kurzgebrauchs-Plastik zu unterscheiden von den vielen Nutzungen, in denen Kunststoffe als hochwertige Materialen mit teilweise sehr hoher Funktionalität eingesetzt werden: als Verstärkungen oder Beschichtungen, wegen der Möglichkeit der Formgebung (etwa bei Gehäusen für High Tech Geräte), für hochtechnisierte Anwendungen von Spezialkunststoffen etwa für medizinische Implantate oder zur Reduktion des Gewichts von Produkten. Ein modernes Verkehrsflugzeug besteht etwa zu 50 % aus Kunststoff, und auch Elektroautos profitieren davon. Und während der Pandemie (und auch außerhalb!) sind wir froh, um Medizin-Einwegprodukte. Niemand möchte mehr mit einer Mehrwegspritze geimpft werden oder ein Mehrweginfusionsprodukt verabreicht bekommen.

Auch länger genutzte Produkte aus Kunststoff sind aus systemischer Sicht sinnvoll, vor allem, wenn man sie mit Alternativen vergleicht: So hat eine Kunststoffzahnbürste mit ca. 20 g Gewicht nach drei Monaten Nutzung ihren Zweck mehr als erfüllt und kann getrost über den Restmüll zur Energieerzeugung eingesetzt werden. Ähnliches gilt z.B. für Mehrwegflaschen, Mehrwegdosen etc. Sollen sie ruhig aus Plastik sein!

Ein größeres Problem besteht bei Textilien aus Kunststofffasern, da diese beim Waschen Mikrofasern verursachen, die ins Abwasser und potenziell in Flüsse oder über Klärschlämme auf Felder ausgetragen werden. Auch hier gibt es schon Lösungen, etwa Wäschesäcke, die die Mikrofasern zurückhalten. 

Es ist also erforderlich, Plastik unter einem systemischen Fokus zu sehen. Ein Problem haben wir überall dort, wo es ohne besondere Notwendigkeit als billiges und daher „wertloses“ Massenmaterial eingesetzt wird. Dort ist eine Eindämmung der Flut anzustreben, und zwar nicht durch Umstieg auf alternative Produkte, sondern durch eine Verhaltensänderung der Menschen.

„In Österreich haben wir kein Problem mit Plastikmüll“ haben Sie in einem Interview mit der Kleinen Zeitung vergangenes Jahr gesagt. Was läuft bei uns anders als in anderen Ländern?

Diese Aussage muss man differenziert sehen. So wie vorher beschrieben, haben wir natürlich ein Problem mit Plastikmüll, in dem Sinne, dass definitiv zu wenig darauf geachtet wird, für welche Zwecke man Plastik einsetzt und daher viel zu viel Plastikmüll anfällt. Dazu wurde ja bereits einiges ausgeführt. Was aber stimmt, ist, dass wir in Österreich effektive und effiziente Wege haben, mit dem Plastikmüll, namentlich dem Verpackungsplastik umzugehen: Österreichisches Plastik wird, vom bei uns erfreulicherweise eher „kosmetischen“ Problem des Littering abgesehen, nirgendwo einfach in die Landschaft oder in Flüsse gekippt. Ja seit dem Deponierungsverbot 2004 wird es grundsätzlich noch nicht einmal mehr deponiert. 

Dabei wird einerseits durch die Sammlung im Gelben Sack und der Gelben Tonne sehr viel vorsortiert. Entsprechende Sortieranlagen schaffen es, diese Anteile noch besser zu sortieren. Und ca. ein Drittel dieser Materialien wird dem Recycling zugeführt. Man kann die Recyclingrate dadurch steigern, dass im Rahmen der getrennten Sammlung ein größerer Prozentsatz an Verpackungen gesammelt und dann dem Recycling zugeführt wird. In einigen Bundesländern wird derzeit doch ein großer Anteil der Kunststoffverpackungen mit dem Restmüll entsorgt und dann zur Energiegewinnung verbrannt. 

Und gerade in der Verbrennung zu Zwecken der Energiegewinnung anstelle anderer fossiler Energieträger besteht ja andererseits ein weiterer Weg der sinnvollen Verwertung. Grundsätzlich macht ein (werkstoffliches) Recycling, also etwa die Produktion von PET-Flaschen aus Recyclingmaterial, definitiv ökologisch mehr Sinn als die Verbrennung des entsprechenden Materials. Denn schließlich musste ja auch zu dessen Produktion Energie aufgewendet werden, und die geht bei der Verbrennung quasi „verloren“, weil ja nur der Energieinhalt des Kunststoffes tatsächlich wiedergewonnen werden kann. Dennoch ist dies gemessen an der Tatsache zu relativieren, dass an die 90 % des jährlich geförderten Erdöls sowieso direkt in die Verbrennung in Motoren und zu Heizzwecken gehen. Die paar Prozent an Erdölverschwendung, die man durch um ein paar Prozentpunkte intensiviertes Plastik-Recycling sparen könnte, fallen dann eigentlich nicht wirklich ins Gewicht. Und besser den Energieinhalt nutzen als das Plastik auf Deponie oder gar im Meer enden zu lassen.

Anders sieht die Sache aus, wenn tatsächlich keine weiteren fossilen Rohstoffe mehr zum Einsatz kommen sollen. Dann sind ein gewaltiges Umdenken und eine vollkommene Reorganisation unseres Lebens erforderlich, bei denen jedes auch noch so geringe „Fitzelchen“ Plastik roh- oder werkstofflich recycliert werden muss. Insofern macht es durchaus Sinn, Recyclingtechnologien und auch -quoten massiv voranzutreiben.

Weihnachten steht vor der Tür. Und im Hinblick auf die gerade zu Ende gegangene Europäische Woche der Abfallvermeidung: Wie können nachhaltige Geschenke aussehen? Und wie kann unterm Weihnachtsbaum Abfall vermieden bestmöglich werden? 

Dazu fällt mir gleich einiges ein. Das würde allein ein ganzes Interview füllen. Zuallererst natürlich einmal der Verzicht auf Geschenke, im Sinne einer Verminderung des Materialismus. Denn erwiesenermaßen geht ein nicht geringer Prozentsatz aller Geschenke entweder gleich oder zumindest nach einigem Aufbewahren direkt in den Müll. Auf Geschenke zu verzichten, ist natürlich nicht jedermanns/jederfrau Sache. Da wird man dann beim so genannten Re-Use fündig: Man kann Geschenke aus dem Second Hand Laden ebenso schenken wie selbst aus „Abfällen“ Gebasteltes, wie Sterne aus Klopapierrollen oder eine „gepimpte“, also aufgemotzte, alte Jeans. Und auch beim Verpacken gibt es viele Möglichkeiten, vom Verwenden von Zeitungspapier über das Einpacken in diverse (Hand-, Geschirr-, Hals-) Tücher bis hin zur Verwendung von Stoff- oder Papiersackerln oder Boxen mit weihnachtlichen Motiven, die zur Wiederverwendung im nächsten Jahr geeignet sind. 

Aber es gibt auch die Möglichkeit, Dinge zu schenken, die keinen oder nur wenig Abfall machen, wie etwa Gutscheine. Neben Gutscheinen, mit denen sich die Beschenkten selber materielle Wünsche erfüllen können und so hoffentlich weniger wegwerfen, kann man Immaterielles schenken wie Reisen, Veranstaltungen, Wellness oder sogar kostbare, aber nicht mit Geld zu messende Dinge wie Zeit. Und schließlich bieten gleich mehrere karitative Einrichtungen die Möglichkeit, mit ideellen Geschenken etwas Gutes zu tun und zugleich ein Stück besseres Leben für Menschen in Not zu schenken. Mein Lieblingsgeschenk etwa ist der Esel, den man über eine Spende einer afrikanischen Familie zukommen lassen kann, und der/die Beschenkte weiß: „Mein Esel lebt in Afrika“.