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Weckruf für die (Kreislauf)Wirtschaft

© Werner Streitfelder

Ob beim G20-Gipfel in Rom oder bei der COP26 in Glasgow – große Teile der Öffentlichkeit sind sich einig, dass nur konsequentes Handeln in Politik und Wirtschaft die Erderwärmung bremsen kann. Eine lebenswerte Zukunft ist nur dann möglich, wenn wir unseren industriellen Umgang mit Ressourcen einem Kurswechsel unterziehen. Mit den technologischen Entwicklungspfaden von Energiewende, Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft zeigt der New Green Deal der EU einen Weg zu dieser Transformation und dazu zählt ganz konkret, Rohstoffe so lange wie sinnvoll möglich in Nutzung zu halten. Derartige Paradigmenwechsel schaffen Chancen, bringen aber auch Unsicherheit. Der aktuelle Circular Economy Barometer von ARA und GfK zum Wirtschaftsstandort Österreich spiegelt das wider: Bei den heimischen Unternehmen fungieren die größeren als Zugpferde der Kreislaufwirtschaft, was Nutzung und Investitionsbereitschaft betrifft. Kleinere Betriebe agieren zurückhaltender und erwarten sich mehr Planungs- und Rechtssicherheit. Die Chancen der Circular Economy hat die österreichische Wirtschaft im Großen und Ganzen erkannt – sie müssen jedoch wesentlich rascher und stärker genutzt werden.

Häufiges Reizwort dabei: Kunststoffe. Der Werkstoff des 21. Jahrhunderts, der uns Leichtbauweise, Energiewende, Hygiene in Pandemiezeiten und Convenience im Handel ermöglicht, gleichzeitig aber immer noch mit Mülllawine, Littering und Vergeudung von Ressourcen in Verbindung gebracht wird. Noch basteln wir im Mikromanagement an den Partikularthemen: Aus fürs Plastiksackerl, Verbot der Wattestäbchen, Pfandpflicht für Einweg-Kunststoffgetränkeflaschen. Was fehlt, ist der Überbau: Wofür und wie verwenden wir künftig Kunststoff und wofür eben nicht mehr? Woraus erzeugen wir Kunststoffe – fossil, biobasiert, aus Recycling oder Carbon Capture? Und schließlich: Wie halten wir Kunststoffe möglichst lange in hochwertigen Kreisläufen?

Für die Kunststoffverpackungen sind die Antworten bekannt: Mehr Sammlung, mehr Sortierung, mehr Recycling. Österreich muss die Recyclingquote bis 2025 verdoppeln. Das bedeutet eine Verpackungssammlung ab Haus auch in den Ballungsräumen, Fokus auf den Unterwegsmarkt und noch mehr Convenience. Gemeinsam mit unserem Partner Saubermacher haben wir mit digi-Cycle ein digitales Incentive-System entwickelt, das Mülltrennung bei PET-Flaschen und Getränkedosen an den über zwei Millionen Sammelpunkten mit Gelber Tonne und Gelbem Sack belohnt – und auf praktisch jede Verpackung angewendet werden kann. Im Gewerbeabfall wiederum steckt ein ungenutztes Potenzial von rund 50.000 Tonnen Kunststoffverpackungen in teils sehr guter Qualität – allerdings enthalten in einer Menge von einer Million Tonnen Abfall. Mit Spannung warten die Unternehmen auf die Novelle der Verpackungsverordnung, die helfen soll, auch diese Mengen künftig als Sekundärrohstoffe zu nutzen.

Bis 2030 müssen alle Kunststoffverpackungen recyclingfähig sein und die Unternehmen suchen Rechtssicherheit: Was ist aus Sicht des Gesetzgebers eine „recyclingfähige Verpackung“? Wie sehen juristische und technische Vorgaben genau aus? Und gilt das auch in Deutschland oder anderen Exportmärkten? Circular Design als Design for Recycling und Design from Recycling stellt den Gamechanger für die Verpackungs- und Markenartikelindustrie dar, und sie arbeitet bereits mit Hochdruck daran. Jedes Unternehmen wünscht sich stabile Rahmenbedingungen, wenn uns auch gerade die letzten 18 Monate gezeigt haben, dass es diese nie gibt. Daher sollte zumindest der Rechtsrahmen fixiert werden, den wir gestalten können: Ein klares Zielbild, wie die Kreislaufwirtschaft in Österreich in zehn Jahren aussehen soll. Der Rückenwind dafür ist stark wie nie zuvor.

Quelle: Cash Handelsmagazin (Special Nachhaltigkeit 2021)