10.06.2026

Kreislaufwirtschaft zwischen Vision und Realität

Er hätte das größte europäische Zukunftsprojekt werden sollen – der „Green Deal“. Jedoch funktioniert er so nicht – zu ambitioniert, zu bürokratisch, zu sehr von geopolitischen Konflikten belastet. Sein Herzstück, die Kreislaufwirtschaft, hat jedoch nach wie vor das Zeug für einen echten Systemwechsel.

Rezyklat 1

War zu Beginn der ersten Amtszeit Ursula von der Leyens als EU-Kommissionspräsidentin 2019 noch die Rede von einem europäischen „Mann auf dem Mond“-Moment, so ist in ihrer zweiten Funktionsperiode die Euphorie der Ernüchterung gewichen. Bewaffnete Konflikte, Rezession und Rohstoffkrisen haben den Primat der europäischen Politik in Richtung Sicherheit, Bürokratieabbau und Wettbewerbsfähigkeit verschoben. Im Zuge dessen wurden Teile des Green Deals – wie etwa das Aus für Verbrennerfahrzeuge, die Nachhaltigkeitsberichterstattung oder das Lieferkettengesetz – deutlich aufgeweicht.

„Wir sehen heute, dass Anspruch und Realität noch weit auseinander liegen und dass wir viel pragmatischer denken müssen. Es wurde mit dem Green Deal als eine Art ökologischer Kompass begonnen. Eine gute Idee, die aber in unheimlich viel Bürokratie geendet hat. Nun wird mit dem Green Industrial Deal ein Realitätscheck versucht“, lautet die nüchterne Bilanz von ARA Vorstandssprecher Harald Hauke. Pragmatismus vermisst er auch bei der PPWR: „Die Dinge werden bis ins kleinste Detail vorgegeben – was teilweise enormen Schaden für die Wettbewerbsfähigkeit bedeutet. Wir müssen darüber nachdenken, wie Dekarbonisierung am Ende des Tages in einen Wettbewerbsvorteil mündet und wirklichen Impact auf Klima- und Umweltschutz hat. Um diese ökologische und ökonomische Herausforderung zu meistern, braucht es realistische Ziele und mutige Entscheidungen.“

Die Kreislaufwirtschaft bietet dafür einen Hebel. Schließlich birgt sie aktuell ein EU-Wertschöpfungspotenzial von 900 Mrd. Euro bis 2030; der europäische Rezyklatmarkt soll von 90 Mrd. Euro (2020) auf 200 Mrd. Euro bis 2030 wachsen. Eine stärker zirkuläre Wirtschaft könnte die Ressourcenproduktivität in Europa jährlich um bis zu 3 % steigern. Für Österreich prognostiziert eine aktuelle KONTEXT1 Analyse einen Exportboost von 2,2 Mrd. Euro durch Recyclingtechnologien und -materialien mit 20.300 neuen Jobs bis 2030.

Vorgaben müssen Hand in Hand gehen

Vielversprechende Aussichten also – aber um dieses enorme Potenzial realisieren zu können, bedarf es noch vieler Arbeit. „Was wir brauchen, sind wenige, zeitlich eng gestaffelte, gemeinsame europäische Maßnahmen, und nicht viel Klein-Klein über Jahre hinweg“, meint Harald Hauke. Ein kritisches Beispiel: Sammel- und Recyclingquoten im Rahmen der europäischen Verpackungsverordnung PPWR gelten bereits – im Gegensatz zu den Vorschriften für den verbindlichen Einsatz von Rezyklaten sowie die Förderung von recyclingfreundlichen Verpackungen (Ökomodulation).

Diese Regelungen folgen erst Jahre später – die EU-Designrichtlinien für Verpackungen im Jahr 2028, die Ökomodulation erst Mitte 2029, und ein Jahr später müssen alle Verpackungen in der EU recyclingfähig sein. In der Zwischenzeit werden Mengen gesammelt, deren exakte Verwertung noch offen ist. „Die Ziele für Sammlung und Recycling einerseits und für den Einsatz von Rezyklaten andererseits gehören zeitlich enger gekoppelt. Es ist ein Konstruktionsfehler, dass man zuerst Recyclingquoten vorgegeben hat, aber Jahre wartet, bis die Hersteller:innen das Material dann auch verwenden müssen“, betont Harald Hauke.

Auf den Punkt gebracht: Wenn man noch gar nicht weiß, ab wann genau eine Verpackung als recyclingfähig gilt, und noch keine konkrete Rechtslage existiert, kann man sich als Unternehmen nur schwer vorbereiten. Auf der anderen Seite hat die Wirtschaft größtenteils diese
Fleißaufgabe angenommen – „die Industrie arbeitet mit Hochdruck daran, sämtliche Kunststoffverpackungen recyclingfähig zu machen“, so der ARA Vorstandssprecher. Jedenfalls drängt die Zeit – gerade im Lebensmittelbereich stehen zahlreiche Hersteller:innen unter Druck, die für ihre Verpackungen Verbundmaterialien aus Aluminium, Papier und Kunststoff verwenden. Sie stehen jetzt vor der großen Herausforderung einer kompletten Neuaufstellung im Packaging-Bereich – mit hohen Kosten und zum Teil mehrjährigen Vorlaufzeiten.

Ein anderes kritisches Beispiel: Unterschiedliche Berechnungsmethoden in den Mitgliedsstaaten führen dazu, dass etwa in Deutschland die Kunststoff-Recyclingquote nach jenen Materialmengen errechnet wird, die die Sortieranlagen als sortierte Fraktionen (SKF) verlassen, in Österreich hingegen nach der Menge, die als Inputmaterial Eingang in die Extruder der Recyclingunternehmen findet. Dazwischen liegt bekanntermaßen der Waschprozess mit z. B. Schwimm- Sink-Trennung, der in der Regel Verluste zwischen 10 % und 40 % zur Folge hat. Und Bulgarien etwa, das über gar keine getrennte Sammlung verfügt, meldet 40 % Recyclingquote – in einem Land, wo viele Abfälle nach wie vor unbehandelt deponiert werden. „Da fehlt es an einheitlichen Standards und genauen Kontrollen“, weiß der ARA Vorstand Thomas Eck.

Aufbruchstimmung in der heimischen Wirtschaft

„Mögen genaue Planungs- und Rechtssicherheit noch fehlen – die Unternehmen haben längst erkannt, dass die Neugestaltung ihres Verpackungsportfolios alternativlos ist, und drücken ihrerseits aufs Tempo, um Wettbewerbsvorteile zu lukrieren“, so Thomas Eck. Die ARA unterstützt die Wirtschaft dabei in zahlreichen Segmenten – als Interessenvertretung in Österreich ebenso wie in Brüssel, als treibende Kraft hinter Sammlung, Sortierung und Aufbereitung von Verpackungen, und nicht zuletzt als Kooperationspartner für Forschungsprojekte, um gemeinsam innovative Lösungen für die Industrie zu entwickeln.

Als treibende Kraft der heimischen Kreislaufwirtschaft ist die ARA auch branchenübergreifend eng vernetzt. So zeichnet sich u. a. bei Carbon Capture eine große Herausforderung für die heimische Industrie ab. Derzeit ist Carbon Capture Storage, also die Speicherung im Boden, in Österreich verboten. Das trifft insbesondere die Zementindustrie – mit der die ARA mit Haimo Primas, CEO von Holcim Österreich und der Holcim Cement CE Holding GmbH, durch den Senat der Kreislaufwirtschaft im engen Austausch steht. In Fachkreisen wird die geplante Aufhebung des Verbots seit geraumer Zeit erwartet. Bis dahin müssen beispielsweise Zertifikate gekauft oder abgeschiedenes CO2 mit teuren Transporten ins Ausland geliefert werden. Folgen hier nicht bald politische Reformen, wird Österreich als Standort für die Zementindustrie immer unattraktiver.

Auch die Energieversorgung der Industrie braucht Reformen. Gefordert wird hier u. a. ein stabiler Netzausbau. In den letzten Jahren hat die Politik stark auf den Ausbau von erneuerbaren Energien wie Wind und Photovoltaik gesetzt, während die Netzinfrastruktur vernachlässigt wurde. Das sollte aber Hand in Hand geschehen, damit der Strom reibungslos transportiert werden kann.

Das Investment der ARA in zirkuläre Innovationen

Mit dem Blick auf fehlende Vorgaben investiert die ARA dennoch Jahr für Jahr in ihre hoch erfolgreichen Projekte, die Österreich zu einem Zentrum der Kreislaufwirtschaft machen. Durch die Eröffnung von TriPlast im Jahr 2024 setzten die ARA, Bernegger und Der Grüne Punkt einen neuen Maßstab in der Kunststoffsortierung in Europa. Ergänzend dazu ist vor kurzem der Spatenstich für die hochinnovative Recyclinganlage Sort4cycle im Ennshafen erfolgt. Darin kommt das von der ARA entwickelte und patentierte Verfahren UPCYCLE zum Einsatz, das es ermöglicht, Reste aus der Sortierung weiterzuverarbeiten, die bisher nur thermisch verwertet werden konnten. Mit einem Gesamtinvestment von mehr als 100 Mio. Euro stärken die Eigentümer somit gezielt die Rohstoffsouveränität, Innovationskraft und Versorgungssicherheit Österreichs und Europas.

Und auch der Herausforderung, aus Kunststoffabfällen wieder neue, lebensmitteltaugliche Verpackungen herzustellen, hat sich die ARA gestellt – mit beeindruckendem Erfolg. Gemeinsam mit Greiner Packaging, OMV und Borouge International wurden zirkuläre Produkte entwickelt und produziert. Darunter der Mehrwegbecher für den Eurovision Song Contest, der zu 100 % aus recyceltem Material aus dem Gelben Sack und der Gelben Tonne besteht. Dieses wird zu Flakes verarbeitet, dann in Pyrolyseöl umgewandelt, zu Kunststoffgranulat verarbeitet und wird so schließlich zu einem neuen Produkt. „Diese österreichische Closed-Loop-Lösung ist ein hervorragendes Beispiel für die Innovationskraft der heimischen Industrie“, heben die ARA Vorstände hervor. „Sie beweist die technische Machbarkeit zukunftsfitter Produkte und darüber hinaus, dass die Kreislaufwirtschaft funktioniert, wenn Industrie, Systeme und Politik an einem Strang ziehen. Die Wirtschaft ist bereits in Vorleistung getreten – mit raschen, pragmatischen Rahmenbedingungen seitens der Politik können wir die Kreislaufwirtschaft gemeinsam voll in Schwung bringen.“